Im späten 17. Jahrhundert erstreckte sich das riesige Osmanische Reich von den glühend heißen Wüsten Arabiens bis zu den kalten, schlammigen Überschwemmungsgebieten Mitteleuropas. Seit Jahrhunderten drängten seine Armeen nach Norden und Westen, ihre Fahnen warfen lange Schatten über Länder, die einst christlichen Königen gehörten. Die Stadt Wien, die am Rande des habsburgischen Österreichs glänzte, war ein Bollwerk gegen diese Übergriffe – eine Stadt, deren bloße Existenz eine Provokation für die Sultane war, die von Eroberungen jenseits der Donau träumten. Doch unter der Oberfläche war das Reich nicht so unbesiegbar, wie es schien. Die Sultane herrschten über ein Flickwerk von Völkern – Ungarn, Serben, Griechen, Kroaten und andere –, von denen viele unter der fernen, oft brutalen Herrschaft litten.
Die Habsburger ihrerseits betrachteten die osmanische Grenze mit einer Mischung aus Angst und Chancen. Ihre Länder waren durch frühere Einfälle verwüstet worden, Dörfer niedergebrannt und Kirchen geschändet. Doch auch die Dynastie hatte ihre eigenen Probleme. Das Heilige Römische Reich mit seinen zerstrittenen Fürsten und religiösen Spaltungen war eher ein Gewirr von Allianzen als ein einheitlicher Staat. Die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg war noch immer lebendig, und protestantische und katholische Nachbarn betrachteten sich gegenseitig mit Misstrauen. Auf dem gesamten Balkan hatten die Osmanen harte Steuern erhoben und christliche Jungen für den Devschirme rekrutiert – die berüchtigte Abgabe, die die Reihen der Janitscharen füllte. Diese Politik säte Unmut, und in verrauchten Tavernen und kerzenbeleuchteten Kirchen von Siebenbürgen bis Kroatien flackerten Gerüchte über eine Rebellion auf.
Im Osten beobachtete das polnisch-litauische Commonwealth mit Besorgnis, wie osmanische Armeen gegen seine südlichen Grenzen vorrückten. Die Kosaken der Ukraine, wild und unabhängig, wechselten ihre Loyalität zwischen dem Sultan und den christlichen Königen, ihre Treue war so unbeständig wie die schlammigen Flüsse, die sie ihre Heimat nannten. Weiter südlich klammerte sich die Republik Venedig, deren Schicksal mit den Gezeiten der Adria wogte, an ihre Außenposten in Dalmatien und Griechenland und war stets auf der Hut vor den osmanischen Galeeren.
Inmitten dieses unsicheren Gleichgewichts erlitten die Osmanen eine Reihe kleinerer Rückschläge und innerer Revolten. Die Bürokratie des Reiches ächzte unter der Last von Korruption und Intrigen. Großwesire kamen und gingen, oft verloren sie ihren Kopf durch die Schlinge des Henkers. 1682 kam der ehrgeizige Kara Mustafa Pascha an die Macht, entschlossen, das Glück der Osmanen wiederherzustellen und ewigen Ruhm zu erlangen. Er sah Wien nicht nur als militärisches Ziel, sondern als Symbol – als Tor zu den Reichtümern und dem Prestige Mitteleuropas.
An Sommerabenden, wenn der Ruf zum Gebet über den Kuppeln Istanbuls widerhallte, sprachen Kaufleute und Soldaten gleichermaßen von neuen Feldzügen. In den Kaffeehäusern von Buda und auf den Märkten von Belgrad kursierten Gerüchte: Der Sultan würde bald seine Armeen auf die Ungläubigen loslassen. Doch nur wenige im Christentum glaubten, dass Wien selbst bedroht sein würde. Schließlich hatten die Stadtmauern schon zuvor Belagerungen abgewehrt, und die Osmanen schienen mit fernen Kriegen beschäftigt zu sein.
Aber in den Korridoren der Macht kursierten dringende Briefe. Kaiser Leopold I. von Österreich versammelte seine Berater in kerzenbeleuchteten Kammern, ihre Gesichter von Sorge gezeichnet. Der polnische König Jan III. Sobieski wägte Allianzen ab und überlegte den Preis einer Intervention. In Venedig sorgte sich Doge Marcantonio Giustinian um die schwindenden Ressourcen seiner Stadt und das Schreckgespenst der osmanischen Flotten.
Auf dem Land schufteten die Bauern wie immer, ihr Leben war geprägt von Not und Angst. Die Spuren früherer Überfälle waren überall zu sehen: niedergebrannte Bauernhöfe, zerstörte Kirchen und Friedhöfe voller namenloser Toter. Für sie war Krieg keine Frage großer Strategien, sondern eine Frage des Überlebens. Wenn die Armeen marschierten, waren es die Dorfbewohner, die als Erste und Letzte dafür bezahlen mussten.
Im Frühjahr 1683 war die Bühne bereitet. Diplomatische Gesandte eilten zwischen den Höfen hin und her, Versprechen und Drohungen wurden gleichermaßen ausgetauscht. Aus diesen Verhandlungen ging die Heilige Liga hervor – eine fragile Koalition aus Österreich, Polen, Venedig und den Kirchenstaaten –, die nur durch die gemeinsame Angst vor dem Vormarsch der Osmanen vereint war.
Als der Schnee schmolz und die Flüsse anschwollen, begannen sich die großen Armeen Europas und des osmanischen Ostens zu rühren. Pferde wurden beschlagen, Kanonen gegossen und die Kriegstrommeln schlugen immer lauter. Das Pulverfass war gezündet, es fehlte nur noch ein einziger Funke. In der Ferne flatterten die Banner des Sultans am Horizont – unheilvoll, unerbittlich und immer näher an Wien heranrückend. Das Schicksal der Stadt und vielleicht sogar das der gesamten Christenheit stand auf dem Spiel, als der Sommer näher rückte.
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